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liche Sinnlichkeit der Frivolität der Großstädte
gleichstellt. Der bäuerlichen Sinnlichkeit mangelt
das Kennzeichen der Pikanterie, der künstlichen
oder absichtlichen Erhöhung oder Verfeinerung
des Genusses. Sie ist derb, ungeschleift, aber
kerngesund, sie ist sozusagen künstlerisch schön in
ihrer Nacktheit. Ihr eignen die großen Linien
des Dramas, der Frivolität aber die des —
Kouplets. Darum ist auch der Schatz an echter
Poesie auf dem Lande ein viel größerer als in
der Industrie- oder Großstadt.
Und aus diesen Gründen erstand eine Agrar-
bewegung auch in der bildenden Kunst, in der
Poesie und — in der Ethik! Ja, sogar in der
medizinischen Wissenschaft zeigen sich derartige
Spuren. Die Heimatkunst entspringt derselben
Quelle wie die Naturheilmethode — der Sehn-
sucht nach der Alleinherrschaft der Natur und
des Natürlichen. Diese beiden Vorzüge aber
besitzt vor allem der Bauernstand. Es ist da-
her gänzlich unangebracht, die agrarischen wirt-
schaftlichen und sozialen Forderungen vom Stand-
punkte des billigeren oder teureren Getreides aus
zu beurteilen, wie es ebenso unangebracht wäre
an die Forderungen der Industriearbeiter den
Maßstab des niedrigeren oder höheren Lohnes
zu legen.
Die Agrarfrage ist eine Kulturfrage — von
ihrer Lösung wird es abhängen, ob unserem
Volke der Fluch der Degeneration bevorsteht, wie
dem bauernlosen England.
Unsere Agrarier aber mögen eine wohlge-
meinte Warnung beherzigen. Leget nicht alles
Gewicht auf die Erwerbsfragen, sondern be-
denket das Sprüchlein: Der Mensch lebt nicht
vom Brot allein. Die Erneuerung bäuerlicher
Denkungs- und Gefühlsart ist ebenso wichtig
als die Erhöhung der Existenzmöglichkeit! Hand
aufs Herz, ihr Bauernfreunde! Trägt nicht
vielleicht auch die Abwendung von der guten
alten Bauernsitte und die Nachäffung städtischer
Lebens- und Denkungsart auch einen Teil der
Schuld an dem wirtschaftlichen Niedergange?
Wir geben einem Herzenswunsche Ausdruck,
wenn wir unsere agrarischen Führer bitten, nach
dem Vorbilde des „Ausschusses für ländliche
Wohlfahrtspflege in Deutschland“ auch die ge-
sellschaftliche und ethische Seite der Agraridee
in das Bereich ihrer Tätigkeit zu ziehen. Sie
würden dadurch tausende Anhänger auch aus
Politisches.
— Es ist kaum mehr zweifelhaft, daß der
Landtag der Provinz Böhmen weit über den
ursprünglich bestimmten Termin besammen bleiben
wird. Wenigstens wenden die großen Partei-
verbände gegen eine Verlängerung des Sessions-
abschnittes bis Ende Juli nichts mehr ein.
Selbst die tschechischen Agrarier, von denen
eigentlich der größte Widerstand gegen eine
Verlängerung der Tagung erwartet wurde, haben
sich mit Rücksicht auf die abnormale Witterung,
welche heuer eine späte Ernte erwarten läßt,
für eine längere Tagung ausgesprochen mit dem
Beifügen, daß ihnen eine Tagung im Herbst
angenehmer wäre.
Sichtlich unter dem Drucke der Los von
Rom-Bewegung haben die österreichischen Bi-
schöfe an die Pfarrämter eine neue Instruktion
erlassen, in welcher das bisherige Verbot jeder
Mitwirkung an der Schließung einer
gemischten Ehe, falls nicht die Brautleute
die katholische Kindererziehung zusagen, aufge-
hoben wird. Die neue Instruktion verpflichtet
die Seelsorger, die „passive Assistenz“ selbst dann
zu leisten, wenn die Ehewerber sich weigern,
die von der Kirche geforderten Bedingungen zu
erfüllen. Selbst in diesem Falle des Ungehor-
sams hat der Seelsorger, wenn auch ohne litur-
gische Gewandung, in der Kirchenkanzlei die
gegenseitige Erklärung des Ehekonsenses entgegen
zu nehmen und in das Trauungsbuch einzutragen.
Er darf kein Wort sprechen, keine rituelle Hand-
lung vornehmen, aber den Konsens nimmt er
entgegen, ja er wird sogar beauftragt, selbst für
solche Ehen, die unter passiver Assistenz vollzogen
werden sollen, das Aufgebot vorzunehmen.
Die Macht der schwarzen Brüder im
Deutschen Reiche wird immer größer und sie
erringen einen Erfolg nach dem andern. Heute
liegen wieder zwei Berichte über die erfolgreiche
Tätigkeit dieser schwarzen Schar vor. Wie aus
München gemeldet wird, wurde im Finanzausschuß
der Kammer der Abgeordneten die Forderung
von 10.000 Mark für Vorarbeiten zur Errichtung
einer technischen Hochschule in Nürnberg
durch das Zentrum gegen die Stimmen der
übrigen Parteien abgelehnt. — Ferner wird
aus Karlsruhe gemeldet: Die zweite Kammer
nahm den Zentrumsantrag auf Zulassung von
Männerorden (!) mit 33 gegen 20 Stimmen
der Nationalliberalen an. Minister von Dusch
erklärte, die Regierung sei der Zulassung nicht
grundsätzlich abgeneigt (!), sie habe aber noch
keine Entschließung getroffen, sondern wolle erst
erwägen, unter welchen Modalitäten die Zu-
lassung gewährt werden solle. — Bei einer
solchen Schwäche deutscher Regierungen sind
klerikale Erfolge natürlich kein Wunder.
Die Häuslichkeit bei den deutschen Frauen zu
fördern und zu erhalten, alle kleinen Ursachen des Un-
behagens zu bekämpfen und aus dem Wege zu räumen,
die das Glück des Familienlebens beeinträchtigen
können, und alles Dasjenige heranzuziehen, was den
Reiz des häuslichen Lebens erhöhen kann: das ist die
besondere Aufgabe der Wochenschrift „Fürs Haus“
(vierteljährlich 1 K 62 h). Die Wissenschaft vom
Hause erfährt in derselben die vielseitigste, erschöpfendste
Behandlung und keine Hausfrau, sie sei reich oder
arm, alt oder jung, wird eine Nummer dieses Blattes
aus der Hand legen, ohne etwas daraus gelernt zu
haben. Als die älteste und verbreitetste aller haus-
wirtschaftlichen Zeitungen Deutschlands steht ihr aus
dem Erfahrungsschatze ihrer zahlreichen Mitarbeiterinnen
ein äußerst reichhaltiges Material zur Verfügung.
Außer einer vierzehntägig erscheinenden Modenummer
und einem vierwöchentlich erscheinenden Schnittmuster-
bogen bringt „Fürs Haus“ folgende wertvolle Extra-
beilagen: „Musik=“, „Handarbeits-“ und „Unterhaltungs-
beilage“, sowie die Kinderzeitung „Fürs kleine Volk“
Man erhält Probenummern in jeder Buchhandlung
oder direkt bei der Geschäftsstelle „Fürs Haus“, Berlin
SW., gratis.
Ein gutes Stück Seife gehört zu den unentbehr-
lichsten Requisiten eines jeden Haushalts. Keine
Seife hat sich wohl schneller in der Gunst des Publi-
kums festgesetzt, als die Lanolin-Seife mit dem Pfeil-
ring.
Die Haut des Kindes zu wahren und zu pflegen
ist die Pflicht jeder Mutter. Weiß sie doch nur zu
genau, daß durch die Haut die gefürchteten Feinde
ihres Lieblings, die Bakterien, so gern ihren Einzug
nehmen. Zur Hautpflege aber und iusbesondere zur
Wartung der zarten Haut des Kindes gibt es kein
geeigneteres Mittel, als das Lanolin-Toilette-Cream-
Lanolin und die Lanolin-Seife mit dem Pfeilring.
nicht bäuerlichen Kreisen gewinnen, denen heute
keine Arbeitsgelegenheit für ihr Ideal gegeben
ist und die daher widerwillig zum Feiern ge-
zwungen sind.
Franz Jesser.
Rein ins Herz schnitt es einem! Aber sie hat dabei
gelächelt, wenn ich ein Wörtchen von Kummer
und Krankheit fallen ließ und mir auf die Schulter
geklopft: Dumme alte Mertens, Sie sehen Ge-
spenster am hellen Tage; ich bin gesund und
zufrieden! Das Essen kaum angerührt und oft
heimlich geschluchzt, daß es einen Stein erbarmen
konnte.
Die Frau führte die Schürze an die Augen,
ließ sie aber erschreckt sinken, als der Assessor
heftig ihren Arm rüttelte.
„Spannen Sie mich nicht auf die Folter,
Weib! Was ist mit dem Fräulein? Sprechen
Sie!“
Sie wich einen Schritt zurück. „Was ist da
viel zu sprechen!“ sagte sie mit einem Anflug
von Trotz, „fort ist sie und kommt nicht wieder.“
„Fort?“ Der junge Mann griff mit beiden
Händen nach dem vorhin angebotenen Stuhl.
„Fort? Sie ist tot?“
Die Frau sah ihm verdutzt in das entstellte
Antlitz.
„J Jotte doch, wer wird denn gleich an
so was denken? Abgereist ist sie gestern in
aller Frühe, nachdem sie die beiden Tage vorher
gepackt und geordnet hat, ohne sich Ruhe zu
gönnen. Und trotzdem sie ausgesehen, als müsse
sie jeden Augenblick zusammenbrechen. Es war
nur gut, daß der Herr da war, allein hätte sie
das gar nicht sertig gebracht.“
In ihres Zuhörers aschfahles Gesicht war
das Blut zurückgekehrt und seine Hände lösten
sich von der Stuhllehne, die sie krampfhaft um-
klammert hielten.
„Der Herr? Herr Klassen aus Hamburg,
nicht wahr?
Und da er das verständnislose Aufblicken
seiner Zuhörerin gewahrte, fügte er hinzu: „Ein
Herr in mittleren Jahren, mit graumeliertem
Backenbart und etwas starker Figur.“
Die Mertens schüttelte lebhaft den Kopf.
„Nein, da sind der Herr Assessor stark auf dem
Holzwege. Jung und schlank ist er und meinem
Fräulein wie aus den Augen geschnitten. Akku-
rat die großen schönen Augen im Kopf und das-
selbe feine Gesicht. Na, nun merken der Herr
Assessor schon, daß ich von Fräulein Hilberts
Bruder spreche, dem jungen Herrn Doktor, der
jetzt ja wohl ausstudiert hat und sich hier in
Berlin als Arzt niederlassen will. — Vor zwei
Tagen ist er plötzlich angelangt, ganz strahlend
und glückselig, aber die Freude hat nicht lange
vorgehalten. Fräulein Carlas Abreise schien ihm
hart anzukommen, immer wieder hörte ich ihn
vom Nebenzimmer aus, wo ich gerade den Mit-
tagstisch besorgte, sagen: „Nein, Carla, das darfst
Du mir nicht antun, gerade jetzt und so weit!
Und warum nur, Carla, warum nur?“ „Ich
muß, Ulrich, frage mich nicht weiter, später sollst
Du alles wissen!“ Mehr habe ich nicht gehört,
Herr Assessor, horchen tut die Mertens nicht,
darauf können Sie sich schon verlassen“.
„Und wohin ist das Fräulein gereist?“
„Auch das kann ich dem Herrn Assessor
nicht sagen. Fräulein Carla hat nichts zu mir
davon gesprochen, und gefragt habe ich sie nicht.
Ich bin nur eine einfache alte Frau, Herr
Assessor, aber das sah ich doch: ein großer Gram
fraß ihr am Herzen und trieb sie fort von hier
in die weite Welt. Was sollte ich sie da noch
mit Fragen quälen? Aber geweint habe ich, als
sie mir das feine Händchen zum Abschied reichte,
als ginge mein eigenes Kind von mir, und den
lieben Gott habe ich so recht aus Herzensgrund
gebeten, ihr neues Glück zu schenken, und sie zu
guten Menschen zu führen, damit sie ihren Gram
und diejenigen, die ihn verschuldet, vergißt“.
Frau Mertens wischte sich mit beiden Hän-
den die überquellenden Augen und richtete letztere
vorwurfsvoll auf ihren Besucher. Und dieser,
der so sicher und gewandt mit den glänzendsten
Damen zu konversieren wußte, der das Wörtchen
Verlegenheit nur dem Namen nach kannte, senkte
vor diesen kleinen blauen Augen der schlichten
Proletariersfrau schweigend die Stirn, welche
glühende Röte überzogen hatte. Dabei hatte er
aber doch seine Börse gezogen und sagte nun,
der Frau ein Goldstück hinreichend, freilich noch
immer mit abgewandtem Blick: „Bitte, Frau
Mertens, für Ihre Mühe. Und wenn Sie irgend
eine Nachricht von Carla, ich meine von Fräulein
Hilbert, erhalten, lassen Sie es mich wissen,
meine Adresse kennen Sie ja.“
Die Angeredete barg beide Hände unter der
breiten, steifgestärkten Schürze. „Ja wohl, Herr
Assessor, Ihre Wohnung kenne ich, ich bin ja
oft mit Botschaft von meinem Fräulein bei Ihnen
gewesen, und weiß noch sehr genau, wie rasch
und freudig mir anfangs die zierlichen Briefchen
aus der Hand genommen wurden, später, es
dauerte gar nicht lange, wurden Sie gleichgiltig
entgegen genommen und zuletzt: „Es ist gut,
Frau Mertens, legen Sie nur hin!“ und kaum
den Kopf danach umgedreht und gewurmt und
gekränkt hat mich das genug in meines Fräu-
leins Seele, ja, und ich will auch jetzt gern zu
Ihnen kommen, wenn ich Ihnen irgend damit
dienen kann, aber Bezahlung nehme ich nicht
dafür. Ich ziehe keinen Vorteil aus anderer
Menschen Unglück und am wenigsten aus dem
von meinem lieben Fräulein. Aber helfen möchte
ich dem Herrn Assessor sein Unrecht wieder gut
zu machen, denn ich merk's ihm wohl an: hun-
dert Meilen, bis ans Ende der Welt möchte er
jetzt laufen, um das liebe Gesichtchen noch ein-
mal lächeln zu sehen.“
Möchte er das wirklich? Und wenn er sie
fände, würde sie ihm dann noch einmal zu-
lächeln, würde sie die ungeheuere Beleidigung, die
er ihr angetan und deren Größe er erst jetzt
in ihrem ganzen Umfang begriff, verzeihen?
Feldhusen fragte es sich, als er wieder auf
der Straße stand und langsam gesenkten Hauptes
den Rückweg antrat. Nein, und tausendmal
nein! Sie nicht, sie war anders, ganz anders
wie all die Frauen, die ihm bisher das Siegen
leicht gemacht. Jene, wenn er das Liebesspiel
mit ihnen begonnen, hatten wohl immer mehr
oder weniger das Ende desselben, das Wieder-
voneinandergehen, vorausgewußt, wenn sie sich
trotzdem zu Partnerinnen in denselben her-
gaben, so war das eben ihre Sache gewesen und
auf ihre eigene Rechnung und Gefahr geschehen,
wie das die Kaufleute so ausdrücken.
(Fortsetzung folgt.)
Dateiname:
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